Die Skoliose aus einer anderen Perspektive

Ein Fachbeitrag von Sönke Schallmey. Er beschreibt, warum Skoliosen entstehen können, ohne dass eine strukturelle Ursache erkennbar ist — und was das für die therapeutische Arbeit bedeutet.

Was eine Skoliose ist

Eine Skoliose ist eine dreidimensionale Verformung der Wirbelsäule. Die Wirbel weichen dabei nicht nur seitlich von ihrer Achse ab, sondern rotieren zusätzlich. Dadurch entstehen die typischen Veränderungen, die sich in der Praxis beobachten lassen:

  • unterschiedliche Schulterhöhen
  • eine asymmetrische Taille
  • ein hervorstehendes Schulterblatt
  • ein Rippenbuckel

Mit einer Häufigkeit von etwa drei bis fünf Prozent der Bevölkerung handelt es sich keineswegs um ein seltenes Phänomen. Interessant wird es bei der Frage nach der Ursache.

Das eigentliche Rätsel

Etwa 80 bis 90 Prozent aller Skoliosen werden als idiopathisch eingestuft. Das bedeutet: Es lässt sich keine eindeutige Ursache nachweisen.

Bei den verbleibenden 10 bis 20 Prozent sind bekannte Auslöser zu finden — angeborene Wirbelfehlbildungen, neuromuskuläre Erkrankungen, Bindegewebserkrankungen, Unfallfolgen, Operationen oder degenerative Veränderungen im Erwachsenenalter.

Bleiben wir aber bei den idiopathischen Skoliosen. Hier sind die strukturellen Voraussetzungen häufig weitgehend unauffällig: Die Wirbel sind vorhanden, die Gelenke funktionieren, eine offensichtliche Schädigung liegt nicht vor. Und trotzdem entwickelt sich eine Verdrehung des Körpers.

Was sich dagegen häufig beobachten lässt, ist eine Veränderung der muskulären Spannung. Bestimmte Muskelgruppen arbeiten verstärkt, andere verlieren an Aktivität. Es entsteht eine Dysbalance, die sich auf die Körperstatik auswirkt.

Die entscheidende Frage lautet daher: Verändert sich die Muskulatur aufgrund der Skoliose — oder entsteht die Skoliose aufgrund einer veränderten Muskelsteuerung?

Zwei Wege, auf die Muskulatur einzuwirken

Weg A: die bewusste Steuerung

Der klassische therapeutische Ansatz erfolgt über Übungen. Bestimmte Bewegungen und Haltungen werden gezielt trainiert; über Wiederholung und Konzentration sollen Bewegungsmuster neu erlernt und die muskuläre Balance beeinflusst werden.

Neurophysiologisch betrachtet läuft dieser Weg über die bewusste Steuerung im Kortex. Er funktioniert — benötigt aber Aufmerksamkeit, Motivation und regelmäßige Umsetzung.

Weg B: die reflexgesteuerte Aufrichtung

Der zweite Ansatz nutzt das, was das Nervensystem ohnehin permanent tut: Reflexe.

Jede Sekunde verarbeitet das Gehirn Informationen aus den Füßen, den Gelenken, den Augen und dem Gleichgewichtssystem. Auf dieser Grundlage reguliert es die Muskelspannung und richtet den Körper auf. Diese Prozesse laufen unbewusst ab — und deutlich schneller als jede bewusste Korrektur.

Daraus ergibt sich eine naheliegende Überlegung: Warum jede Haltung bewusst trainieren, wenn sich stattdessen die automatischen Regelkreise ansprechen lassen?

Der Zugang über das Gleichgewicht

Ein möglicher Weg führt über das Gleichgewichtssystem. Genau deshalb kommen in vielen Therapiekonzepten Balance-Boards, Wackelbretter oder instabile Unterlagen zum Einsatz: Sie erzeugen reflektorische Reaktionen, die die Haltemuskulatur ansprechen.

Dieses Vorgehen hat allerdings eine Grenze. Die meisten Menschen reagieren auf eine instabile Unterlage mit einer leichten Beugung in Hüfte und Knie — einer Schutzhaltung, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Die Reflexe werden zwar angesprochen, die Aufrichtung stellt sich dabei aber nicht zwangsläufig ein.

Eine Beobachtung aus der Praxis

Vor einiger Zeit wollte ich einem Patienten genau ein solches Gleichgewichtstraining empfehlen. Ein Wackelbrett stand gerade nicht zur Verfügung. Beim Suchen nach einer Alternative fiel mir eine alte Skoliosesohle in die Hände, die lange ungenutzt in einer Schublade gelegen hatte.

Also probierte ich sie aus — und was ich beobachtete, überraschte mich: Der Patient richtete sich auf, ohne darüber nachzudenken. Er bekam keine Haltungsanweisung und musste nichts aktiv korrigieren.

Die veränderte sensorische Information unter den Füßen erzeugte eine Instabilität, auf die das Nervensystem unmittelbar reagierte. Der Körper organisierte seine Haltung neu. Genau die reflektorische Reaktion, die ich therapeutisch erreichen wollte, stellte sich von selbst ein.

Bemerkenswert fand ich zudem, dass sich über die Einstellung der Halbkugeln unterschiedliche Reizmuster erzeugen ließen — je nachdem, wie die Sohle justiert war, fiel die Reaktion des Körpers anders aus.

Es handelt sich um eine Einzelbeobachtung aus der Praxis, nicht um ein Studienergebnis. Wie ein Körper reagiert, ist individuell verschieden. Die SKOLISOHLE® ist ein Sportgerät, kein Medizinprodukt, und ersetzt keine ärztliche oder therapeutische Behandlung.

Was das für die Praxis bedeutet

In meiner täglichen Arbeit suche ich nach Möglichkeiten, möglichst direkt an dem anzusetzen, was ein Problem verursacht. Die Skoliosesohle ist für mich dabei zu einem nützlichen Werkzeug geworden — nicht, weil ich lange erklären muss, was sie bewirkt, sondern weil viele Anwender die Veränderung unmittelbar spüren. Sie stellen sich darauf und bemerken selbst, wie sich ihre Haltung verändert.

Aus meiner Sicht wirkt sie wie ein Verstärker jener sensorischen Reize, die aus der Podo-Orthesiologie bekannt sind — beides kann sich ergänzen.

Der praktische Vorteil liegt in der Anwendung im Alltag. Schon wenige Minuten täglich — etwa morgens und abends beim Zähneputzen — genügen, um das System regelmäßig anzusprechen.

Besonders interessant finde ich, dass sich dieses Prinzip nicht auf Skoliosen beschränkt. Überall dort, wo Haltungsveränderungen eine Rolle spielen, kann eine gezielte sensorische Stimulation über die Füße ein lohnender Ansatz sein.

Vielleicht liegt der Schlüssel zur Aufrichtung also nicht ausschließlich in der Muskulatur selbst — sondern in den Informationen, die das Nervensystem erhält und verarbeitet.


Über den Autor: Sönke Schallmey ist Physiotherapeut und Geschäftsführer des Lehrinstituts für Podo-Orthesiologie in Warendorf. Mehr über ihn und die Entwicklung der SKOLISOHLE® steht unter Wer hinter der SKOLISOHLE® steht.

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